Esad Babačič

übersetzt von Peter Scherber

 

Was braucht ein Gedicht

Luft.
Sehr viel Luft.
Und Landschaft.
Und inmitten des Landes
Einen Menschen, der am
Feuer sitzt und sich die Hände
wärmt.

Für Dich

Immer ziehe ich mich zu schnell an,
dann warte ich auf dich, lang,
zu lang, mein Leben
dreht sich tausendmal um mich,
bis du kommst,
und dann ist Frühling,
ich bin nackt.
Warte auf dich.

Ruhe

Diese verdammte Ruhe.
Vom Himmel fallen Blumen,
schwere weiße Blumen,
anstatt Regen.
Niemand hat sie vom Himmel gepflückt,
der die Erde ist.

Wer vergisst, die Batterie
seines Mobiltelefons
aufzuladen,
der kann sterben
einfach so
ganz in Ruhe.

Maulbeeren

Ich kenne Freunde,
die sitzen am runden Tisch,
sprechen übers Glas
über das granitene Bersten des Verstandes,
das ihre Jugend zerstörte.
Über Maulbeeren,
deren Duft
nicht in die verborgensten
Winkel ihrer
Nasen vordringt

Palach

Selbstverbrennung
ist das höllische Glück
zu stolzer Menschen.

Alpenrhapsodie

Der Aufwind
bringt die Milde
des Schwindens. Geringer
als unser Mitempfinden,
tiefer bohrt sie sich
in die Herzen der Senner

Điđikovac
       für Ahmed Burić

Die Ärmel des alten Pullovers
waren nie lang genug,
um die schlanken Handgelenke zu verbergen,
immer bereit zu dieser
charakteristischen Bewegung,
dieser rätselhaften Krümmung,
ähnlich den kindlichen Umwegen,
als dir plötzlich klar wurde,
dass du an diesem Berg
tief hinein ins Alter steigen wirst.
Glauben ist der schleppendste Balsam
Des Alterns.
Keine kürzeren Wege, und doch musst du
Manchmal rennen um das Brummen des Marktes
zu überlisten. Das Einlaufen
des Kaffees ist die Verlängerung
der Minuten, über die man schweigt,
das Klopfen des Löffels am Filđan
bleibt die erste und letzte Bitte
der Hügel Sarajevos, von denen ich nicht mehr
träumen darf.