Globales Herz
heute wurde das meer verrückt.
an den rändern seines horizonts
trieben immer neue kontinente.
zwei möwen vom rauchfang
des verlassnen hauses
gellen abwechselnd in den himmel.
eine gebräunte frau, langes blondes haar,
im weißen, weißen kleid beugte sich
durchs fenster und fühlte mit der hand die luft.
keine grenze mehr zwischen himmel und erde,
zwischen meer und himmel.
alle türen sind offen. eine dünne mondschnitte
zeigt sich aus den wolken. nacht.
grillenzirpen von überall und blitze über pula.
flüstern im dunkeln,
finger, die scheints verträumt
über den körper spazieren.
übersetzt von Ludwig Hartinger
Die Frage nach dem Anfang
Aller Anfang ist schwer, und sei’s ein neuer Tag oder ein Gedicht.
Und heute haben wir, die wir gerne Tee und Sonne haben,
wir, die wir heute niemand andren aus der Menge angehen, heute haben wir früh angefangen.
Es ist 10.17 Uhr und durch den Rauch, der von der Zigarette aufsteigt, schaue ich umher.
Wie ein Reh so nonchalant, wie eine leicht erschlaffte Blüte, als würden wir noch ein wenig schlafen.
Aus dieser Lage und zeitlichen Perspektive erscheint so manches möglich,
es gibt fast nichts, das mir fiebrigem und rotznasigem Ungeheuer nicht möglich wäre.
Wenn wir uns mit Körper und Seele reinhängen. Und mit Gefühl. With a feeling.
Die Leute in diesem kleinen Teelokal unterhalten sich gedämpft,
so dass es wie ein Wogen klingt, wie der Wind in den Ästen der Bäume. Und die schwarze Amsel,
die mit ihrem plötzlichen Pfiff in diese gleichmäßige und rhythmisch verwobene Musik der Bäume einschneidet.
Stolz wie ein Hahn, auf der Kirsche, die weiße Blüten trägt.
So ein begeisterter Morgenschrei ganz anders von ihren wehmütigen und meditativen Balladen
am Abend. Der Tag ist bleich und angealtert. Ich weiß, dass es in ein zwei Tagen noch schlimmer wird.
Der Himmel wird rotzig graugelb sein und es wird Regen fallen, vermischt mit Bröseln Wüstensands.
In Farben rede und schreibe ich. Ich betrachte einen nackten und wie Milch so weißen Bauch,
der sich in prallen Kaskaden, weichen, als wären sie mit Moos bewachsen,
über der mächtigen Metallschnalle des Ledergürtels türmt.
Mir gegenüber sitzt ein Mädchen, vielleicht schon Fräulein, mit rosiger Brille.
Sie reden auch über Datteln und Ohrstäbchen. Ihnen gefällt der Duft
meines Tabaks, sagen sie. So sitze ich und schwätze ein bisschen, und es scheint mir, als würde ich warten.
Einfach auf irgendwas und irgendwen. Aber da ist niemand. Nur eine große Frau im langen
Mantel, zusammengesetzt aus einer Unzahl von Fellen kleiner pelziger Tiere,
vertritt sich zwischen den Tischen die Beine. Es ist Mitte April, annähernd 10.33 Uhr
und die Zeit ist in all ihrer glitschigen Relativität kein Faktor. Ich rieche nach Leder, ich träume von Seide.
übersetzt von Aleksander Studen – Kirchner
Versuch einer Begründung
wenn neue leidenschaften aufkommen,
stark und zugleich zart wie spinnweb,
da beginnen die alten langsam -
während die blätter vom benachbarten kirschbaum
beständig gelb werden und fallen
(wobei sich manche mit windeshilfe
durchs offene fenster in unser
wohnzimmer verirren) -
ganz langsam und krampfhaft abzusterben
oder es rafft sie ganz schnell
dahin, als hätte der schlag sie getroffen
oder ein blitz aus dem heiteren.
Und da hilft kein gewinsel.
Ich steh mitten in der stadt
über mir der himmel
voll sonne und zerzausten wolken
und kein fester boden unter mir,
ein fluß unter mir
zäh und grün bewegt er sich
und langsam wie ein alter,
müder drache.
übersetzt von Peter Scherber
Ewige Blindheit
der tod ist nur schnelle erinnerung
zarter und unsicherer schatten.
nur aussergewöhnliche worte können
wahrhaftig sein und die form
blauer samtvorhänge annehmen.
glanz ist nur trug,
augenblick der erwägung.
übersetzt von Peter Scherber
Überlegung
ganz langsam und träge denkst du nach,
darüber, dass es eigentlich nicht dein ding ist,
die welt zu lenken.
aber, vielleicht doch ein wenig,
nur so weit
um sich nicht in den Wäldern zu verlieren
übersetzt von Peter Scherber